AKTUELLES

Bertolt Brecht Archiv, über den Manuskripten der Handschriften Brechts zu „Die Maßnahme“

Notizbuchseiten Nummer BBA/448/86-114 / Titel: „dann sind die klassiker dreck“

Dr. Peter Villwock, Fabiane Kemmann

 

Aus einem Notizbuch herausgelöste, oben ungleichmäßig ausgefranste Blätter / feines, dünnes Papier, leicht gelblich, feine rote Blattkante, Format: 158,1X267mm.

V: Wir haben hier mehrere Entwürfe, zunächst ins Notizbuch geschrieben, dann herausgerissen. Die Seiten sind sehr fein und dünn. So sieht es auch im Notizbuch aus.

K: Sind das die ersten Seiten der „Maßnahme“?

V: Ja. Brecht hat genommen was er gerade hatte, Bleistift, manchmal rot. Das bedeutet nichts.

K: Sind sie chronologisch?

V: Teilweise, manchmal nicht. Die „Maßnahme“ ist an der Ästhetik der Seiten zu erkennen. Da ist viel mit Strichen, Zahlen und Dreierkombinationen: ‚Jajaja, neinneinnein, ich, ich, ich, du, du, du, wir, wir, wir. du kannst, du darfst’. Das ist eine typische Kombination für „Die Maßnahme“. Es wäre interessant, den Kontext anzusehen: welche Notizen standen vor den Seiten zur „Maßnahme“, welche dahinter, was liegt zwischen den handschriftlichen Seiten, die sicher zur „Maßnahme“ gehören. Brecht hatte über längere Zeit zum Thema des „Jungen Genossen“ gearbeitet. Schon in der Arbeit vor der „Maßnahme“ und dem Ja-Sager. Hier geht es los:

BBA 448/86 = dann sind die klassiker dreck + ich zerreiße sie. Als ein / geschriebenes papier. aber der mensch, der lebendige brüllt und sein elend zerreißt alle dämme der lehre. darum mache ich revolution, jetzt und sofort, denn ich brülle und ich zerreiße die dämme der lehre. ++ du machst du brüllst du zerreißt ++

Ich lese es nicht, es ist nur die Konfiguration, aus der heraus ich sage, dass das zur „Maßnahme“ gehört. Hier sieht man, wie er drei Schritte macht. Diese drei Schritte sind ein Muster, das Brecht durchprobiert.

K: Ist „Die Maßnahme“ generell optisch durch die Anordnung zu erkennen und zu unterscheiden?

V: Das kann man so nicht generalisieren. Typisch ist, dass Brecht an vielen verschiedenen Dingen simultan arbeitete. Die Typoskripte sind oft diktiert und von Elisabeth Hauptmann geschrieben. Man muss sehen, ob er alleine geschrieben hat oder ob sie geschrieben hat. Generell machte er Notizen alleine und die Konkretion passierte im Kollektiv. Hier: ‚du, du, du’ – der Dreierschritt war ihm sehr wichtig. Auf BBA 448/96 heißt es: ‚ich, ich, ich’. Es ist wie ein Rhythmus, damit er da reinkommt. Hier, auf BBA/447/82, wurde Tesafilm genommen, um gerissene Seiten zusammen zu kleben. Bei richtiger Archivierung der Handschriften Brechts dürfte das nicht sein. Es zerstört das dünne Papier, weil es sich darunter auflöst.

K: Wie entsteht die Anordnung der Seiten in den Mappen?

V: Normalerweise kann man sich darauf verlassen, dass die Reihenfolge in etwa die ist, die Brecht 1956 hinterlassen hat. Allerdings folgt daraus nicht sehr viel. Brecht war ein relativ ordentlicher Mensch, aber nicht grundsätzlich. Er hatte ein Mischprinzip aus Archivierung/Ordnung und produktivem Chaos. Da sind ganz sicher Bilder durcheinander gekommen. Man kann aber gewisse Sachen an Rissspuren erkennen.

 

K: Risspuren?

 

V: Ja. Die Blätter sind rausgerissen worden und haben dann zum Teil am oberen Rand die gleichen Risspuren. Das heißt, man kann sehen, wenn sie zusammen rausgerissen wurden und daraus folgt, dass sie auch zusammen im Notizbuch waren. Mehr aber auch nicht, denn Brecht hat immer verschiedene Projekte parallel verfolgt.

 

K: Man sagt, Brecht habe, als er nach Berlin kam, die Stellen, wo in der Stadt revolutionäre Zellen waren, auf einer Straßenkarte an seiner Wand mit roten Fähnchen markiert. Dann hielt Hitler die erste Rede nach dem Redeverbot, die Lage heizte sich darauf hin Anfang 1929 so auf, dass es zu gewaltsamen Zusammenstößen kam, Brecht war Zeuge des Blut-Mai. Gibt es in dieser Zeit bestimmte Ereignisse, von denen man sagen kann, dass er sie in diesen Notizen zur „Maßnahme“ verarbeitet?

 

V: Der Blut-Mai war ja 1929, wir sind hier 1930. Das spricht nicht für einen direkten Zusammenhang. Natürlich reagierte Brecht auf die Ereignisse insgesamt. Aber da man nicht weiß, wann er genau mit diesen Notizen angefangen hat, kann man nicht sagen, was genau der Auslöser war. Es spricht viel dafür, dass er am Anfang noch nicht wusste worauf genau es hinausläuft, zum Beispiel während er die Konkretisierung des Ja-Sagers schrieb, die als Vorform der ersten Notizen zur „Maßnahme“ gilt.

Auf den Notizen, die den Seiten zur Maßnahme vorausgehen, sieht man aber schon eindeutig den Dreischritt:

BBA/448/82 1) neue betrachtungsweisen 2) neue verhaltensweisen 3) neuer menschentyp? Das ganze: eine widerspruchsvolle einheit (der widerspruch ist nicht zu eliminieren, wo er die philosophie macht, sondern zu verstärken. Er ist das lebendige des feldes, an ihn muß man sich halten. Also keine „zusammenschau“ keine widerspruchslose totalität / tautologische totalität

Das gehört zu Brechts Art, sich die Dialektik anzueignen. Sie ist seine große Entdeckung dieser Zeit, die große Methode nennt er es. Hier ist es nicht mal Marx, der das ja auch konkretisiert und aufs Politische anwendet, sondern einfach formal philosophisch Hegel: „These“, „Antithese“, „Synthese“. Und die Synthese ist nicht einfach tautologische Totalität, hier – „eine widerspruchsvolle einheit (der widerspruch ist nicht zu eliminieren, wo er die philosophie macht, sondern zu verstärken. er ist das lebendige des feldes, an ihn muß man sich halten. also keine „zusammenschau“ keine widerspruchslose totalität /tautologische totalität“ – also kein Einheitsbrei, sondern eine gespannte Einheit, eine Einheit von Gegensätzen. Das geht bis zurück bis auf die Antike, bei Heraklit. Da hat Hegel das wieder her. Das ist die Entdeckung Brechts in dieser Zeit, dass eine Einheit widersprüchlich sein kann und soll.

 

K: Und warum, wenn sie widersprüchlich sein kann, soll und darf, soll der Junge Genosse ‚Ja’ sagen zu seinem Tod?

 

V: Vielleicht soll er das ja nicht, vielleicht soll das ja zur Diskussion gestellt werden.

 

K: Ja.

 

V: Von der Dialektik her müssten beide Positionen gleich stark sein – die Position der Agitatoren, welche die Theorie vertreten und die Position des Jungen Genossen, der die Existenz vertritt. Im Stück muss es halt entschieden werden, aber es ist nicht gesagt, dass es richtig entschieden ist, also im Sinne Brechts entschieden ist, sondern das ist, was zur Diskussion gestellt werden soll. Das ist ja der Ansatz des Lehrstücks.

 

Hier, direkt vor der ersten Seite zur „Maßnahme“ in dieser Mappe, liegt der ‚brief eines 27 jährigen’:

BBA/448/84 brief eines 27jährigen / und ich konnte auch nicht mehr abwarten bis durch die vereinigung der biologie mit der physik die neue so sicher erwartete totalität geschaffen wird, in der der einzelne sich mit einzelnem begnügt. jene neue armut aber, von der es heißt, sie würde zu ertragen sein, weil die menge so organisiert sein werde, dass sie der wahrhaft beglaubigte stellvertreter der person sei. ….ich könnte auch nur mehr dann mich dazu verstehen, ein stück brot zu essen wenn mir die welt in ihrer gänze einleuchtete. Und da sie das nicht tut – was sie doch zu tun hätte – verlasse ich nicht den tisch mit dem brot sondern die welt in ihrer gänze. Denn ich muss, meiner anlage nach, von hungrigen wärtern für mein geld oder das der masse, auf einen tisch mit wachstuch zurückgeworfen und mit kloroformierten wattebausch in einem gebrüll erstickt werden – sofern die polizisten nicht, aus einem unbegreiflichen mißverständnis, immer wieder jene einfachen und sicheren leute mit den gerechtesten gesichtern der welt hindert, mich und meinesgleichen an die nächste wand zu stellen.

 

K: Ist es eine Vorarbeit?

 

V: Ich würde den Brief nicht in direkten Zusammenhang mit der Maßnahme bringen. Hier sehen Sie aber, dass es wirklich zusammen rausgerissen wurde, es sind die gleichen Rissspuren –

 

K: Ja.

 

V: – was einen Zusammenhang nahelegt, aber nicht beweist. Im Notizbuch springt Brecht auch von einer Seite zur nächsten im Thema. Prinzipiell gehört alles, was er in einer Phase schreibt, immer untergründig sehr eng zusammen, er probiert immer gleichzeitig mehrere verschiedene „Betrachtungsweisen“ auf dasselbe Thema oder Problem. Die gleiche Blattherkunft lässt zumindest einen inneren Zusammenhang annehmen. Das heißt, einen Zusammenhang, der nicht teleologisch auf „Die Maßnahme“ allein ausgerichtet ist. Es ist eher ein experimentierendes Arbeiten in einem Spannungsfeld, in dem – sicher als ein Hauptwerk, aber sicher nicht als einziges Ergebnis – dann „Die Maßnahme“ entsteht oder, anderes Bild: sich zu einer Gestalt formt wie ein Kristall in einer gesättigten Lösung. Dieser Brief ist ein Versuch, Dialektik politisch und existenziell zu konkretisieren. Dabei sind mir zwei Vorbilder in den Sinn gekommen: Kafka und wieder Hegel. Das ist hier eine nicht durchgeführte Abstraktionen von Kafkas Hungerkünstler; Der ist einer, der sein Geld mit hungern verdient und am Ende auch verhungert. Er sagt: ‚Ich hätte ja schon gegessen, aber ich habe die Speise nicht gefunden die mir schmeckt.’ Brecht hat Kafka gelesen und sehr hoch geschätzt. Hier heißt es ja: „ich könnte mich auch nur mehr dann dazu bewegen ein Stück Brot zu essen wenn mir die Welt in ihrer Gänze einleuchtete“ – weil sie das nicht tut, esse ich halt nicht. Vielleicht ist es auch direkt von Kafka ausgelöst, das weiß man nicht. Das Motiv könnte von Kafka kommen, strukturell, philosophisch, psychologisch steht wahrscheinlich auch Hegel dahinter. Bei Hegel gibt es die ‚schöne Seele der Revolution“, letztendlich eine Theorie der französischen Revolution. Hegel sagt, dass Anfangs die gutwilligen Idealisten die Revolution gemacht haben, die dann in Kontakt mit der verunreinigten und unreinen Welt zu Terroristen wurden. Die ‚schöne Seele’ kippt bei Hegel in den Terror um, praktisch zwangsläufig. Wenn man die Welt so abstrakt sieht wie er: ‚ich muss zunächst alles verstehen um eines machen zu können’, kommt man entweder zum Terror oder zum Selbstmord. Und das führt Brecht hier durch.

 

K: In dem Brief der unmittelbar vor den Notizen zur Maßnahme liegt geht es also um Terror gegen sich selbst.

 

V: Ja, das ist Terror gegen sich selbst. Oder auch hier: „mich und meinesgleichen an die nächste wand zu stellen.“ Die zweite Möglichkeit, dass der Junge Genosse als Terrorist angesehen und erschossen wird, gibt es auch. Es ist nicht durchgeführt, es sind nur Ansätze, eine Auseinandersetzung mit dieser Revolutionstheorie. Das heißt – wie beim Jungen Genosse dann auch – dass eine bestimmte Form von revolutionärem Typus aus Idealismus entsteht und dass Idealismus alleine zum Terror wird, der nichts bringt und verderblich ist.

 

K: Und hier wie in der „Maßnahme“ wird das dann zur Einwilligung in den eigenen Tod.

 

V: Ja.

 

K: Die Einwilligung in den eigenen Tod ist also etwas, das auf diesen Seiten vorher abstrakt entwickelt wird. Ich habe mich gefragt, ob es bei dem Jungen Genossen einen starken Moment der Enttäuschung in Anbetracht der Wirklichkeit gibt. Seine Mitstreiter entschließen sich nicht, die Revolution sofort zu machen, sondern sie beschließen sogar, weil der Junge Genosse sich aus einem lebendigen Impuls heraus empört und nicht schweigt, ihn zu vernichten. Gerade aus jugendlicher Perspektive liegt in diesem Augenblick ein ungeheures Potenzial der Enttäuschung, aus dem heraus ein Junger Genosse einwilligen könnte, dass seine Mitstreiter und Opponenten ihn vernichten und in die Kalkgrube werfen. Deshalb konnte ich in diesem ‚brief eines 27jährigen’ viel weniger das Moment des Selbstopfers, der abstrakten Gewalt, als das der Enttäuschung eines jungen Menschen sehen. Das war vielleicht auch Brecht nicht fern.

 

V: Frustrierter Idealismus. Ja. Sicher. Das sehe ich auch so. Ich denke sowieso, dass in dem Jungen Genossen sehr viel von Brecht selber steckt. In welcher Situation ist er denn? Er ist wirklich Junger Genosse, er ist gerade erst zum Marxismus bekehrt, versucht das jetzt zu lernen, mit den alten Hasen Hanns Eisler, Karl Korsch, Fritz Sternberg, die sozusagen die Agitatoren sind, die das alles schon verstanden haben.

 

K: Das sind ja auch drei.

 

V: Lacht. Ja. Also die Hauptpersonen. Und Brecht kommt jetzt eigentlich als Anarchist und Empörer von Baal her, eigentlich als Individualist und muss oder will sich dem aussetzen. Da ist ein eigenwilliger Impuls, er sieht aber verstandesmäßig auch, dass die anderen Recht haben, grundsätzlich. Das geht auseinander, Gefühl und Verstand und ist das Drama, was sich jetzt in seinem Inneren selber abspielt, was er projiziert. Er ist eigentlich in der Situation des Jungen Genossen.

 

K: Wenn Sie sagen, er sieht verstandesmäßig, dass die anderen Recht haben: meinen Sie damit konkret, dass in dieser Zeit von den Leuten, die in großer Menge auf die Straße gingen, danach gerufen wurde, jetzt die Revolution zu machen, die Weltrevolution. Und dass ihnen gesagt wurde, sie müssten warten. Die linken Parteien, die in dieser Zeit in einer vorher und nachher nie wieder da gewesenen Weise stark waren, haben ihrer Meinung nach realpolitisch entschieden, gesehen oder gesagt, die Revolution zu beginnen, würde in dieser Situation um 1930 in eine Katastrophe führen, es gehe nicht, es sei noch zu früh.

 

V: Das war so. Brecht und auch Benjamin hatten zum Teil auch 1932 noch die konkrete Erwartung, dass die Weltrevolution jetzt auch in Deutschland ausbricht – wie einige andere auch. Es war eine extrem gespannte Situation und das merkt man in der Maßnahme. Die Extreme sind da so weit getrieben, wie sonst nicht. Diese Kälte, die das Lehrstück formal hat, das ist ja abstrakt. Aber man merkt, was für eine ungeheure Energie darunter liegt. Politisch und psychologisch, beides.

 

Diese Seite hier scheint mir nicht ein klar dialektischer oder abgeschlossener abstrakter Dreischritt zu sein, sondern ein Anfang von einer Überlegung. Gemeinsam ist das Thema des Verhaltens. Da: „alles angreifende verhalten ist halb“ Brecht meint wahrscheinlich das nur angreifende Verhalten, ohne Reflexion. Es geht in diesen drei Notizbuchseiten, die hier nacheinander direkt vor den Seiten zur Maßnahme liegen um das richtige Verhalten. Diese Seite hier ist eine weitere Rahmenüberlegung, die der Maßnahme vorausgeht (BBA/448/83):

 

1 es ist schwierig für uns uns zu verhalten nicht weil wir nichts fänden was uns oder den umständen nützt sondern weil dies zu findende nützliche um zu nützen noch soviel anderes nützende verlangt. 2 es ist jener raum zu konstruieren wo weisheit nützt und jene weisheit die nicht in jedem raum (nämlich gegen denselben) sondern in eben diesem nützt. 3

 

Das ist etwas kompliziert ausgedrückt. Brecht meint, eine Einzelaktion, ein einzelnes Verhalten, kann man gar nicht definieren, weil man immer erst den Kontext definieren muss. Und die Folge ist dann – das ist einfach ein Gedankenschritt weiter: „es ist jener raum zu konstruieren wo weisheit nützt und jene weisheit die nicht in jedem raum (nämlich gegen denselben) sondern in diesem nützt.“ Es muss also ein konkret bestimmter Raum sein. Ein abstraktes Verhalten und eine abstrakte Theorie – ich nehme an, das nennt er hier Weisheit – gibt es nicht, sondern sie sind kontextabhängig. Deswegen muss man immer erst den Kontext bestimmen und konstruieren, für ein Lehrstück zum Beispiel, um dann ein relativ richtiges Verhalten, eine relativ richtige Theorie bestimmen zu können. Es scheint mir – wie gesagt – kein richtiger Dreischritt zu sein, sondern der Anfang zu einer Feldbestimmung oder Rahmenüberlegung. Der ‚brief eines 27jährigen’ ist ein Versuch, in diesen Rahmen schon mal etwas reinzuschreiben, er ist nur nicht ausgeführt.

 

K: Die Maßnahme beginnt in einer Zeit, die aus Brechts Perspektive Zukunft ist, schneidet dann in etwa auf die Gegenwart Brechts und endet wieder auf der Ebene dieser Zukunft. Inwiefern markieren die Zeit und der Ort, wo die Maßnahme spielt, Brechts Utopie einer besseren Gesellschaft? Hier ‚und ich konnte auch nicht mehr abwarten bis durch die vereinigung der biologie mit der physik die neue so sicher erwartete totalität geschaffen wird in der der einzelne sich mit einzelnem begnügt. jene neue armut aber, von der es heißt, sie würde zu ertragen sein, weil die menge so organisiert sein werde, dass sie der wahrhaft beglaubigte stellvertreter der person sei. ….’ Und in Zeit, in der die Maßnahme beginnt, wie in der Druckfassung festgehalten‚ ‚marschiert die Revolution und geordnet sind die Reihen der Kämpfer auch dort’. Brechts Vorstellung der Weltrevolutions-Zeit scheint positiv konnotiert und nicht als eine Zeit an der Front, in der Menschen Menschen erschießen. Was ist diese neue Welt, die er sich vorstellt?

 

V: Das weiß er ja auch nicht, das Ziel. Dieser 27jährige kann nicht mehr warten, bis er’s weiß. Formal gesagt ist es die Vereinigung der Physik mit der Biologie oder die neue Armut, die das Kollektiv aufhebt. Formal kann man das bestimmen. Formal ist es eine reine Utopie auch im schlechten Sinne. Das zeigt sich ja hier: Wenn man das Formale in einem direkten Sprung haben will, wird es entweder terroristisch oder selbstmörderisch. Im Grunde ist es wirklich toll, dieses Blatt: erstens gibt es neue Betrachtungsweisen, also mehrere, im Plural. Die alten, das sind die von Herren, welche die Peitsche schwingen und Knechte, die ziehen. Und es gibt neue Betrachtungsweisen: das ist der Junge Genosse und das sind die Agitatoren. Es sind auch mehrere. Sie haben einen existenziellen Impuls, eine Empörung ‚gegen’. Es ist immer Weisheit ‚gegen’. Es gibt neue Verhaltensweisen, das ist dasselbe. Man kann sich wie der Junge Genosse unmittelbar-aktiv verhalten und angreifen, oder wie die Agitatoren konspirativ-geheim. Es sind auch mehrere, auch neu. Und das dritte, worauf es hinaus laufen soll, die Synthese, das weiß man eben noch nicht. Es wird eigentlich nicht nur eine neue Welt verlangt, sondern auch ein neuer Menschentyp, der dem entspricht. Wie dieser neue Mensch ist, das weiß man noch nicht recht. Brecht weiß das auch nicht. Und er sagt bei genauer Betrachtung gar nicht, es sei immer ‚gegen’, sondern er sagt „es ist jener raum zu konstruieren wo weisheit nützt und jene weisheit die nicht in jedem raum (nämlich gegen denselben) sondern in eben diesem nützt“, das heißt, da ruft er eigentlich nach einem gemeinsamen Vorgehen. Gegen die falschen Verhältnisse aber mit den anderen zusammen, kollektiv und gemeinsam.

 

K: Brecht hat gesagt, die Maßnahme sei sein Stück der Zukunft. Was nach 1930 an Stelle der Revolution kam, war sehr anders. Wann hat er von der Maßnahme als seinem Stück der Zukunft gesprochen?

 

V: Das war nach 1945.

 

K: Und Sie haben in dem Zusammenhang einmal gesagt, vielleicht sei jetzt die richtige Zeit für dieses Lehrstück.

 

V: Vielleicht ist heute auch wieder so eine Situation wie 1930, als er das Stück geschrieben hat. Man weiß, die Verhältnisse können so nicht bleiben und zwar nirgendwo auf der Welt. Die eine Richtung geht in Richtung Nationalismus und Faschismus, die andere in Richtung des globalisierten Kapitalismus, und beides ist nicht zukunftsfähig, das weiß man, aber was man tun kann, weiß man nicht. Bisher gibt es die schönen Seelen, auch jetzt zum Beispiel, die einfach einen grundsätzlichen Pazifismus verlangen. Oder es gibt die Agitatoren, die einfach zur Waffe greifen und die anderen niederknallen. Und es gibt Idealisten, Occupy oder so, die auch versuchen, mit friedlichen Mitteln etwas zu bewirken. Was aber da jetzt sinnvoll ist, das weiß man nicht. Wir sind auch in einer Situation wie damals. Brecht war vielleicht sogar ein Stück weiter. Er hatte eine Theorie, von der er dachte, sie sei richtig. Wir haben Theorien, Betrachtungsweisen, aber wie und worauf das hinauslaufen soll, wissen wir nicht. Man weiß eigentlich nur, so wie es ist, kann es nicht bleiben, die Situationen in der wir jetzt sind. Ob sie, die Situation, in der wir sind, in absehbarer Zeit akut weltrevolutionär wird oder ob es noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte so weiter trudelt, weiß man nicht. Die Fragestellung ist jedenfalls brisant, auch für uns jetzt

K: Während es der formalen Konstruktion nach in der Maßnahme 1930 die drei Agitatoren waren – wäre das Modell eines umstürzenden, geschichtsverändernden Verhaltens heute der Junge Genosse?

 

V: So war es damals nicht. Man konnte nicht sagen: „die Empörten haben recht oder „die Theoretiker haben recht“. Beides ist nur halb. Es muss immer zusammen. Das Problem ist vielleicht damals wie heute, dass das so schwierig ist. Wir haben viele empörte, aber die einen werden nicht praktisch und die andern sind zu unreflektiert. Es muss beides zusammen, damals wie heute. Brecht spricht von einem Rahmen, Raum ist die Metapher, die er nimmt. Das scheint mir angemessen: es gibt einen theoretischen Rahmen, ein Feld, das er konstruiert. Und die Maßnahme stellt er da rein. In dieses Feld kommen auch noch andere Stücke und Arbeiten, nicht nur die Maßnahme, er macht viele, die er in dieses Feld stellt.

Exposé

„DIE MASSNAHME ist das erste gemeinsame Meisterwerk Bertolt Brechts und Hanns Eislers. Seit den durch sie initiierten Aufführungen um 1930 ist das Lehrstück nicht wieder mit einem Chor von 300 SängerInnen auf die Bühne gebracht worden. Bertolt Brecht nannte „Die Maßnahme“ kurz vor seinem Tod sein Modell für ein Theater der Zukunft. Erarbeitet wird die erste Wiederaufführung mit einem Chor von 300 SängerInnen.

In Anlehnung an Eisler und Brecht wird zum ersten Mal seit 1930 wieder eine soziokulturelle Ebene einbezogen. Es singen 10 Berliner Chöre und ein Gebärdenchor. Während in der Uraufführung 1930 drei Berliner Arbeiterchöre sangen, wird der aktuelle Chor von „Die Maßnahme“ einen Querschnitt der Gesellschaft heute bilden.

„Die Maßnahme“ wird als Dispositiv der Auseinandersetzung zur Verfügung gestellt. Die Fragen des Lehrstücks sind zeitlos: warum sind wir zusammen und wie, wie steht das Individuum in der Gesellschaft, was kann für den Aufbau einer gerechten Gesellschaft getan werden. Ein Schwerpunkt liegt auf der Auseinandersetzung mit und Forschung nach dem Verhältnis von Subjekt und Gesellschaft. Letztendlich geht es darum „nach einer besseren Möglichkeit“ zu fragen. (Die Maßnahme, Kap.8)

An „Die Maßnahme“ sind neben den Chören vier professionelle und zwei Laien-DarstellerInnen, eine Solistin und zehn OrchestermusikerInnen beteiligt. Die Chöre erarbeiten die Partitur mit ihrer eigenen Chorleitung an ihrem Probeort, die Darstellerinnen und das Orchester arbeiten ebenfalls autonom. Kurz vor der Aufführung werden alle Mitwirkenden zusammengebracht. So werden die Voraussetzungen für die einmalige Konfrontation aller am Aufführungsabend Anwesenden mit den heute durch „Die Maßnahme“ gestellten Fragen geschaffen.

Die Wiederaufführung 2016 wird im Kammermusiksaal der Philharmonie stattfinden. Die Uraufführung 1930 fand in der ehemaligen Berliner Philharmonie statt.

Die Initiative „Die Maßnahme“ besteht hauptverantwortlich aus Marcus Crome (Musikalische Leitung), Fabiane Kemmann (Projektleitung, Szenische Leitung), Barbara Nicolier (Künstlerische Begleitung). Pate der Arbeit ist Jean Ziegler. Die Arbeit wird von der Rosa Luxemburg Stiftung gefördert. Das Singen der Arbeiterlieder ist seit 2014 ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission aufgenommen: „Sie sind über weite Strecken der deutschen Geschichte verboten und unterdrückt worden.“„Das Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung bietet ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Volkskultur in Deutschland immer wieder aus fortschrittlichen und demokratischen Ansätzen heraus neu gestaltet und interpretiert wurde.“ (Deutsche UNESCO-Kommission e.V.) „Die Maßnahme“ ist eine künstlerische Weiterentwicklung der Lieder der Arbeitersängerbewegung.

Aufführungen der „Maßnahme“ sind notwendig weil nur in ihnen, in der Einheit von Bühne, Schauspiel und Musik das komplexe Kunstwerk wieder erkennbar wird. Zwei Prototypen wurden 2014/15 realisiert. Ihre Auswertung auf künstlerischer, dramaturgischer, gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Ebene hat eine solide Basis für die Wiederaufführung von „Die Maßnahme“ mit 300 SängerInnen geschaffen. Was mit dem Meisterwerk heute zu lernen ist, werden der Arbeitsprozess und die Aufführung von „Die Maßnahme“ zeigen.

Termine

TERMINE

Sa 9. April 2016  10-22 Uhr
So 10. April 2016 10-13 Uhr

Lehrstück-Kurs zur Gewaltprävention mit Reiner Steinweg
UKB: 50,- / Ort auf Anfrage

Fr 8. April 2016 um 20 Uhr Premiere
Ort: Philharmonie, Kammermusiksaal, Herbert-von-Karajan-Str. 1, 10785 Berlin
Tickets: 35 / 25 / 15 erm.
Vorverkauf an allen Eventim-Vorverkaufsstellen, Online, und über die Eventim-Bestell-Hotline, Montag bis Sonntag 8-20 Uhr: 01806/57 00 70, 20 cent pro Festnetz-Anruf, maximal 60 cent pro Mobilfunk-Anruf
Initiative “Die Maßnahme” zeigt das szenische Konzert
Die Maßnahme
Lehrstück von Bertolt Brecht und Hanns Eisler
Erste Wiederaufführung in Originalbesetzung mit fast 300 SängerInnen

Fr 8. April  2016 um 10 Uhr
Ort: Philharmonie, Kammermusiksaal, Herbert-von-Karajan-Str. 1, 10785 Berlin
Generalprobe, Chöre, Orchester, DarstellerInnen, Solistin

So 3. April 2016 10-14 Uhr
Ort: Russisches Haus, Friedrichstr. 176–179, Berlin Mitte
2. Hauptprobe, Chöre, Orchester und DarstellerInnen

Sa 2. April 2016 10-14 Uhr
Ort: Russisches Haus, Friedrichstr. 176–179, Berlin Mitte
1. Hauptprobe, Chöre und Orchester

Sa 19. März 2016 10-14 Uhr
Ort: Russisches Haus, Friedrichstr. 176–179, Berlin Mitte
Treffen aller Chöre zur 1. gemeinsamen Probe

29. Januar 2016 18-20 Uhr
Ort: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring-Platz 1
Treffen aller ChorleiterInnen mit der Initiative “Die Maßnahme”

Seit Januar 2016
proben täglich Chöre in ganz Berlin. Auf Wunsch erhalten Sie den Probenplan.

11. November 2015
Ort: Pariser Platz, Brandenburger Tor
Multi-Chor-Prototyp: Lesung mit Klavier und Chor

14. Juni 2014
Ort: Schul-Aula, Weinmeisterstr. 16, Berlin Mitte
Prototyp: Lesung mit Klavier und Chor

2013
Gründung der Initiative “Die Maßnahme”


Chronologie von “Die Maßnahme” und ihren Aufführungen

Diese Übersicht ist in Arbeit. Ergänzungsvorschläge sind willkommen

2007
Ort: Transiteatret, Hordaland Kunstsenter, Klosteret 17, 5005 Bergen, Norwegen
Norwegische Erstaufführung von “Die Maßnahme”

1997
Ort: Berliner Ensemble, Berlin
Erste offizielle Wiederaufführung von “Die Maßnahme” in Deutschland

20. Dezember 1994
Ort: BAT, Berlin
“Die Maßnahme” als Puppenspiel und Schauspiel, Regie: Tom Kühnel, Robert Schuster

1987
Ort: London
Erste Wiederaufführung von “Die Maßnahme”

19. März 1933
Ort: Konzerthaus, Wien
Arbeiter-Sinfonie-Konzert mit Stücken aus “Die Maßnahme” und anderen Werken.

Sa 28. Januar 1933
(in manchen Quellen steht 23. Januar 1932)
Ort: Reichshallentheater, Erfurt
Polizei stoppt die Aufführung von “Die Maßnahme” wegen „Aufreizung gegen den Staat durch kommunistische revolutionäre Darstellung des Klassenkampfes zur Herbeiführung der Weltrevolution“

Di 20. September 1932
Ort: Proletarisches Theater Wien
Die Maßnahme, Regie: Hans Vogel

Sa 13. Dezember 1930 um 23.30 Uhr Uraufführung
So 14. Dezember 1930 um 23.30 Uhr
Ort: Alte Philharmonie, Bernburger Str. 22/23
Die Maßnahme

April 1930
Die 1. Fassung von “Die Maßnahme” ist fertig

Fr 8. April 2016 um 20 Uhr Premiere

Ort: Philharmonie, Kammermusiksaal, Herbert-von-Karajan-Str. 1, 10785 Berlin
Tickets: 35 / 25 / 15 ermäßigt

Initiative „Die Maßnahme“ zeigt das szenische Konzert
Die Maßnahme
Lehrstück von Bertolt Brecht und Hanns Eisler 

Erste Wiederaufführung in Originalform mit fast 300 SängerInnen

Eines der bekanntesten Lieder aus „Die Maßnahme“ heißt „Ändere die Welt, sie braucht es.“ Voraussetzung dafür ist es „nach einer besseren Möglichkeit zu fragen.“
Das Meisterwerk von Bertolt Brecht und Hanns Eisler ist eine Versuchsanordnung für diese Frage – ein Instrument der sozialen Fantasie und des Fortschritts. Entlang der Figur des „Jungen Genossen“ und seiner Wiederkehr in die Gesellschaft wird mit der Frage nach Widerstand, Ich-Stärke und kollektivem Handeln heute experimentiert.

Bertolt Brecht und Hanns Eisler führten ihr erstes Gemeinschaftswerk 1930 bis 1932 an unterschiedlichen Orten mit 300 Arbeiter-SängerInnen im gemischten Chor auf. Die Nationalsozialisten verboten das Werk. 1956 verfügte Brecht ein Aufführungsverbot. Kurz vor seinem Tod nannte er „Die Maßnahme“ nichtsdestotrotz sein Modell für ein „Theater der Zukunft“. 1997 wurde das Aufführungsverbot aufgehoben, doch das Meisterwerk wurde nie wieder in der ursprünglichen Fassung, als Lehrstück mit Arbeiter- bzw. Laien-Chören aufgeführt.

Vor 1933 gab es in Deutschland eine halbe Million Arbeiter-Sängerinnen. Nach 1945 war diese Bewegung vernichtet. Wer sind die Stimmen von „Die Maßnahme“ im Jahr 2016? Zehn Chöre wirken mit: Ein Frauenchor, ein Gebärdenchor, ein Obdachlosenchor, politische Chöre, Menschen mit unterschiedlichen Herkünften und sozialen Kompetenzen.

Gemischter Chor aus 10 Chören: Coro Contrapunto, “Die Maßnahme”-Projektchor mit SängerInnen des Chores der werktätigen Volksbühne, Erich-Fried-Chor, Ernst-Busch-Chor Berlin, Frauenchor Con Passione, Gebärdenchor, GEBEWO-Brückeladen-Chor mit Ratten 07, Hanns Eisler Chor Berlin, hardChor ELLA, Zeckenchor

Orchester: Damir Bacikin (Trompete), Callum G’Froerer (Trompete), Christian Ahrens (Trompete), Till Krause (Posaune), Martin Curth (Posaune), Marcus Weisser (Horn), Viorel Ciriacescu (Pauke), Fabian Musick (Schlagzeug), stefanpaul (Klavier)

DarstellerInnen: Ensemble Initiative „Die Maßnahme“ mit Darstellerinnen von Ratten 07

Musikalische Leitung: Marcus Crome
Szenische Leitung: Fabiane Kemmann
Künstlerische Begleitung: Barbara Nicolier
Produktionsleitung: Fabiane Kemmann, Katharina Husemann
Produktion: Initiative “Die Maßnahme”

Text: Bertolt Brecht, Musik: Hanns Eisler
Werk-Fassung von 1931, Aufführungsrechte: Suhrkamp Verlag

Gefördert durch die Rosa Luxemburg Stiftung, und durch die bisher unbezahlte Arbeit der vielen Mitwirkenden.

Damit wir die Künstler bezahlen können, die von ihrer Arbeit leben, brauchen wir noch Spenden. Dafür haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Ab 5 Euro können Sie uns unterstützen. Für SpenderInnen ab 1000 Euro gibt es einen Segeltörn um die Pfaueninsel inklusive einem Gespräch über Luxus und Klassenkampf. Die Kampagne finden Sie über diesen Link auf indiegogo.


Jede Unterstreichung zeigt einen Link an. Es gibt Webseiten, die Links farbig markieren, diese hier macht das nicht. Wer das ändern möchte, und weiß wie das geht, ist herzlich willkommen.